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Ingeborg-Drewitz-Preis 2004 an das Weglaufhaus "Villa Stöckle"

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Begründung der Preisvergabe an das Weglaufgaus "Villa Stöckle"

 

Die Humanistische Union würdigt heute ein antipsychiatrisch orientiertes Projekt. Auf den ersten Blick mag das widersprüchlich erscheinen. Die Humanistische Union sieht sich in der Tradition der Aufklärung, setzt auf Vernunft, streitet für eine rationalere Politik. Hat die neuzeitliche Betonung von Rationalität nicht aber auch immer eine Kehrseite gehabt? Führte die Unterscheidung zwischen rational und irrational nicht auch zur Abwertung, Ausgrenzung, sogar zwangsweise Behandlung von Menschen, die den Ansprüchen von Rationalitätsklerikern im wissenschaftlichen Gewand nicht genügten?

Allerdings ist Rationalitätskult nicht das Geschäft der Humanistischen Union. Als Bürgerrechtsorganisation steht für uns die Achtung der Menschenwürde im Mittelpunkt. Daher wenden wir uns gegen jede unverhältnismäßige bzw. vermeidbare Einschränkung der freien Entfaltung der Persönlichkeit. Ein aufmerksames Auge hat die Humanistische Union immer auf Institutionen geworfen, in denen die Selbstbestimmung gefährdet oder gar nicht mehr möglich ist. Mit dem Thema Psychiatrie hat sich die Humanistische Union immer wieder kritisch und konstruktiv auseinandergesetzt, erstmals 1979 mit einem Kongress zur Psychiatriereform.

In dem Beharren auf Selbstbestimmung treffen sich Bürgerrechtler und Psychiatriekritiker, Habermasianer und Foucauldianer. Mit theoretischen Debatten allein ist Menschen in psychischen Krisen noch nicht geholfen. Konkrete Hilfe bietet das Weglaufhaus "Villa Stöckle", das wir heute auszeichnen wollen.

Das Weglaufhaus bietet Menschen in Krisensituationen einen Schutzraum, der es ihnen ermöglicht, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Es gewährt Menschen Zuflucht vor Obdachlosigkeit und vor einer psychiatrischen Behandlung, die sie als bevormundend erfahren. Das Weglaufhaus setzt sich also nicht einfach nur abstrakt für die Selbstbestimmung ein, sondern ganz konkret in der Umsetzung.

Das Weglaufhaus zeigt tagtäglich, dass ein Ansatz möglich ist, der bewußt verzichtet auf eine Einteilung der Menschheit in "Kranke" einerseits und "Gesunde und Experten" andererseits. Uns beeindruckt die Offenheit mit der das Weglaufhaus neue Wege geht, Altes immer wieder in Frage stellt, Neues ausprobiert und im Team auch kontrovers diskutiert.

 

  • Wer kann bestimmen, ab welcher Abweichung von Rationalitätsnormen die Selbstbestimmung eingeschränkt werden kann?
  • Wie sind die Menschenrechte noch geschützt, wenn gar die Fähigkeit zur Selbstbestimmung bestritten, der erklärte Wille von Menschen ignoriert wird?

Diese Fragen müssen wir uns immer wieder stellen, um Ausgrenzungen und Verletzungen der Menschenwürde zu vermeiden. Wahrscheinlich gibt es keine Patentlösungen. Um so wichtiger ist es, immer wieder genau hinzusehen, was - insbesondere unter zunehmendem Kostendruck - in der Psychiatrie geschieht und nach Alternativen zu suchen. Es gilt zu vermeiden, dass Menschen gegen ihren Willen psychiatrisch behandelt werden, weil sie "anders" und der Gesellschaft zu anstrengend sind.

Verrücktheit gehört zur Menschlichkeit dazu. Nicht nur irren ist menschlich, sondern auch das Irre-Sein. Vor allem aber ist die Frage, wer oder was irre ist oder gemacht wird, eine Frage der Perspektive, der gesellschaftlichen Umstände und auch der Zeit. Unmenschlich waren und sind oft die Konsequenzen, die mit Diagnosen verbunden werden - vor allem dann, wenn Behandlungen gegen den erklärten Willen der Betroffenen erfolgen.

Wir vergeben in diesem Jahr den Ingeborg-Drewitz-Preis zum siebten Mal und erstmals nicht an eine einzelne Person, sondern an eine Organisation. Viele Menschen haben sich für das Weglaufhaus und im Weglaufhaus engagiert, und viele Einzelne hätten den Preis verdient. Hier eine Person herauszugreifen, wäre aber dem besonderen Charakter des Weglaufhauses nicht gerecht geworden. Was das Weglaufhaus auszeichnet, ist auch seine demokratische Arbeitsweise. Das kritische Verhältnis des Hauses zu Autoritäten und Hierarchien findet sich in seiner eigenen Struktur wieder. Und diese Struktur ist keine starre, unter dem Dach des Weglaufhauses gibt es viel Lebendigkeit, Auseinandersetzung, Vielstimmigkeit. Auch das hat uns imponiert, und auch das wollen wir im Rahmen der heutigen Preisfeier würdigen.

Roland Otte

Informationen zum Weglaufhaus


Uta Wehde: Das Weglaufhaus – Zufluchtsort für Psychiatrie- Betroffene, Berlin 1991

Kerstin Kempker (Hg.): Flucht in die Wirklichkeit – Das Berliner Weglaufhaus, Berlin 1998

Kerstin Kempker: Mitgift - Notizen vom Verschwinden, Berlin 2000

Tina Stöckle: Die Irren-Offensive – Erfahrungen einer Selbsthilfe-Organisation von Psychiatrieopfern. FfM 1983/ Neuauflage Berlin 2005

Informationsseiten von Peter Lehmann:
www.peter-lehmann.de
www.enusp.org
www.antipsychiatrieverlag.de
www.faelle.org